Die japanische Spieleentwicklung steht immer wieder vor besonderen Herausforderungen, wenn es um die Darstellung weiblicher Charaktere geht. Nun hat Yuji Usuda, CEO des Studios Qureate, in einem Interview mit Game*Spark offen gelegt, warum in den sogenannten „Gentlemen’s Games“ seines Unternehmens nahezu ausschließlich üppig proportionierte Frauenfiguren vorkommen. Der Grund ist nach seinen Worten weniger eine künstlerische Entscheidung als vielmehr eine direkte Reaktion auf die Moderationsrichtlinien großer Plattformen wie Steam und Nintendo Switch.
Usuda erklärte, dass die Darstellung erwachsener Frauen mit kleinen oder flachen Brüsten inzwischen als „extrem riskant“ gelte. Die Gefahr bestehe darin, dass Plattformbetreiber und Moderatoren schlanke oder zierliche Körperbauten fälschlicherweise als minderjährige Charaktere einstufen könnten. Selbst wenn die Figuren eindeutig als Erwachsene gekennzeichnet seien, könne dies bei der Veröffentlichung zu Problemen führen. Das Studio würde eigentlich gerne mehr Abwechslung bei den Körperformen bieten, doch die Vermeidung von Komplikationen bei der Freigabe habe oberste Priorität. „Wenn wir riskante Darstellungen wählen und das Spiel am Ende gar nicht veröffentlichen könnten, wäre das sinnlos“, so der CEO.
Plattformbedingte Anpassungen und ihre Grenzen
Bereits heute muss Qureate für verschiedene Stores unterschiedliche Versionen seiner Titel erstellen, um den jeweiligen Zensurvorgaben zu genügen. Usuda führte als konkretes Beispiel das Spiel „Bunny Garden“ an. In der ursprünglichen Fassung war auf den Gesichtern der Charaktere eine Art Lotion zu sehen. In den veröffentlichten Versionen wurde diese später durch grünen Schleim ersetzt. Auch Milcheffekte wurden in einigen Varianten unsichtbar gemacht. Solche Anpassungen sind zwar umständlich, aber offenbar notwendig, um die Spiele überhaupt auf den Markt bringen zu können. Die Entscheidung, auf kleinere Brüste zu verzichten, ist demnach eine präventive Maßnahme, um aufwändige Nachbesserungen oder gar eine Ablehnung zu vermeiden.
Kommerzielle Motive oder reine Vorsicht?
In der Community stieß Usudas Erklärung allerdings auf Skepsis. Viele Beobachter vermuten, dass nicht nur die Angst vor Moderation die Entscheidung treibt, sondern auch handfeste kommerzielle Gründe. Charaktere mit großen Brüsten gelten in der Zielgruppe von „Gentlemen’s Games“ traditionell als besonders attraktiv und verkaufsfördernd. Die einseitige Auswahl der Figuren könnte daher schlicht dem Wunsch nach maximalen Umsätzen folgen. Usuda selbst räumte zwar ein, dass das Studio mehr Diversität anstrebe, stellte aber gleichzeitig klar, dass die wirtschaftliche Realität und die Plattformanforderungen den Gestaltungsspielraum erheblich einschränken. Ein Ausweichen auf andere Stores sei oft keine Alternative, da die Reichweite von Steam und Nintendo Switch für den Erfolg der Spiele essenziell sei.
Die Situation zeigt ein grundsätzliches Spannungsfeld auf: Einerseits wollen Entwickler kreative Freiheit und vielfältige Charakterdesigns, andererseits müssen sie sich den oft unklar formulierten Regeln der digitalen Vertriebsplattformen unterwerfen. Besonders heikel wird es, wenn die Regeln nicht konsequent oder nachvollziehbar angewandt werden. Dass ein Studio wie Qureate öffentlich seinen Kurs erklärt, ist selten und unterstreicht den Druck, unter dem japanische Entwickler bei internationalen Veröffentlichungen stehen.
Ob sich die Plattformen in Zukunft zu transparenteren und einheitlicheren Richtlinien durchringen können, bleibt abzuwarten. Solange das Risiko einer Fehlinterpretation oder Ablehnung besteht, werden Studios wie Qureate weiterhin auf bewährte, als unproblematisch geltende Designs setzen. Die Folge ist eine gewisse Uniformität, die weder den künstlerischen Ambitionen noch dem Wunsch nach mehr Diversität in Spielen gerecht wird. Die Diskussion um Körperbilder und Zensur in digitalen Medien ist damit längst nicht abgeschlossen.