Es gibt Momente in Videospielen, die man erst richtig schätzt, wenn sie einem genommen werden. Wenn man etwa die Tür seines majestätischen Ferrari 250 California oder eines klapprigen Reliant Supervan öffnet, während zur Rechten sanft die Wellen an den Strand schwappen und die Sonne vom Himmel brennt – solche Augenblicke sind das Herzstück der Horizon-Reihe. Genau dieses Gefühl droht in Forza Horizon 6 nun zu verschwinden. Die von Playground Games eingeführten, neuartigen Custom-Garagen entpuppen sich als zweischneidiges Schwert, das die Spieler von der atemberaubend schönen Außenwelt abschneidet.
Ein neues Zuhause, eine alte Leere
Die neueste Iteration der Rennspielserie bringt, wie mein Kollege in seinem ausführlichen Test bereits darlegte, durchaus nennenswerte Neuerungen mit sich. Die Heim-Anpassung feiert ihr Debüt in zwei Formen: einem leeren Tal namens The Estate für den Streckenbau und den individuell gestaltbaren Garagen, die in jedes der etwa acht käuflichen Häuser integriert sind. Die Idee klang zunächst verlockend. Die privaten Tüftlerhöhlen um eigene Möbel und Deko zu ergänzen versprach eine neue Ebene der Personalisierung. Was jedoch auf dem Spiel stand, wurde erst nach dem ersten Betreten der eigenen vier Wände klar.
Betritt man ein Haus in Horizon 6, wird man sofort in die Garage gebeamt – einen einheitlichen, weiß-grauen, nahezu leeren Raum. Statt der Geräuschkulisse der japanischen Landschaft herrscht, abgesehen vom Radio, eine gespenstische Stille. In dieser klanglichen Leere beginnt man, eine Ansammlung von überraschend generischen Bausteinen und Krimskrams zu platzieren. Eine schwarze Couch. Eine unauffällige Werkzeugschublade. Die Plastikliege, auf der Mechaniker unter Autos rollen. Ein Arcade-Automat, mit dem man nicht interagieren kann. Ein Stapel Baumstämme. Burgtreppen ohne Burg. Bäume und Felsen, um den Eindruck von Draußensein zu erzeugen. Ein Backsteingebäude, das an einen Treppenhausaufgang erinnert, aber ohne Treppen im Inneren auskommt. Schrillbunte Festival-Pavillons und eine metallene Palme, die in einer einzigen Farbe leuchtet. Oder man gibt auf und importiert ein fremdes Design – das sich dann jedoch nicht mehr den eigenen Wünschen anpassen lässt.
Der Verlust der gebauten Welt
In den Vorgängern war die Garage nicht anpassbar. Stattdessen diente die jewelige Einfahrt, liebevoll von den Künstlern von Playground Games gestaltet, als Treffpunkt und Kulisse. Wenn ich in Horizon 5 in mein Strandhaus Buenas Vistas fuhr, hörte ich die Wellen und die Möwen, während ich in der Forzavista-Ansicht um meine Autos strich. Selbst hinter der Menügrenze fühlte ich mich nie von der lebendigen Welt Mexikos getrennt. Horizon 6 hingegen kapselt einen ein. Hinter den mächtigen Garagentoren liegt eine japanische Spielwelt mit authentischen Details, abwechslungsreichen Biomen und leuchtenden Farben – doch in den eigenen vier Wänden schottet man sich davon ab. Das prestigeträchtigste Haus der Rangliste, das Vision House, wirbt mit einer spektakulären Aussicht auf Tokio. Man kann den Fuji sehen, die Skyline der Metropole vor sich haben. Trat man in früheren Teilen in die Einfahrt, konnte man all das noch sehen und die Geräusche der Natur hören. Jetzt verschwindet die Aussicht, sobald man die Tür hinter sich schließt. Das Fuji Unkai Haus prahlt mit einem „unvergleichlichen Blick auf den Fuji“ und einem traditionellen Garten – dieser Blick ist Geschichte, sobald der Ladebildschirm erscheint.
Die Liste der verlorenen Schauplätze ist lang. Die Hakusan Mountain Lodge bietet einen Blick auf einen Alpensee. Das Minka-Haus in Ito wartet mit einer rustikalen Bucht auf. Das Tokyo House lockt mit einem weiteren japanischen Garten und großzügiger Einfahrt. Sogar das Lagerhaus Soko 78 bietet einen anständigen Blick auf die Docks. Alles ideale Orte, um die Karren zu tunen und dabei die Welt zu genießen.
Ein Fehler mit Potenzial
Die neuen Garagen könnten die Grundlage für etwas Großartiges in zukünftigen Forza-Teilen sein, doch im Moment sind sie schlichtweg uninspirierte Rückzugsorte. Die Spieler verbringen ihre Zeit nun damit, diese tristen Räume selbst zu möblieren, anstatt die ohnehin schon perfekte Kulisse zu nutzen. Ich persönlich ertappe mich dabei, bewusst in der Einfahrt anzuhalten, um den Ausblick aufzunehmen – bevor ich die Taste drücke, die mich in meiner weißen Zelle verschwinden lässt.
Vielleicht wird Playground Games in einem Update die Möglichkeit nachreichen, die Menüs auch draußen zu nutzen, wenn die Resonanz auf die individuellen Garagen verhalten ausfällt. Ich glaube nicht so recht daran. Schon jetzt erstellt die Community wilde Kreationen wie eine Garage, die das eigene Auto mit Fahrrad fahrenden Dinosauriern umgibt. Viele werden damit zufrieden sein. Ich für meinen Teil werde mich wohl noch lange nach einem Plätzchen im Freien sehnen, wo ich die Motorhaube öffnen und sehnsüchtig auf den Motorblock starren kann – so wie ich es in Horizon 4 am Derwentside Lake Lodge getan habe. Es ist eine Lektion in Sachen Spielerfahrung: Manchmal ist das, was man weglässt, viel wertvoller als das, was man hinzufügt.