Der Umbau des schwedischen Publishers Embracer Group schreitet voran. Nach der Ankündigung, das Unternehmen in zwei separate Einheiten aufzuspalten, rückt nun die Zukunft zahlreicher legendärer, aber lange vernachlässigter Spielemarken in den Fokus. Während die neu formierte Fellowship Entertainment, benannt nach der Gemeinschaft aus Der Herr der Ringe, künftig die ganz großen Kaliber wie Tomb Raider und die Tolkien-Lizenz bespielen wird, bleibt für viele einstige Kultreihen die Frage nach dem weiteren Weg offen. Nun hat der Konzern jedoch eine klare Strategie signalisiert, die Hoffnung macht: Embracer sucht aktiv Partner für die Entwicklung neuer Spiele zu Marken wie Deus Ex, Legacy of Kain, Saints Row und vielen weiteren.
Eine Aufspaltung mit klaren Konsequenzen
Die Entscheidung, Embracer in zwei Gesellschaften zu teilen, ist mehr als eine bloße Umstrukturierung. Sie definiert Prioritäten. Die eine Hälfte, Fellowship Entertainment, konzentriert sich auf die kommerziell stärksten und medienübergreifend relevantesten Franchises. Die andere Hälfte, die den Namen Embracer behält, fokussiert sich auf kleinere Spiele und eine Vielzahl an IPs, die in den vergangenen Jahren kein nennenswertes Lebenszeichen von sich gegeben haben. In dieser zweiten Kategorie finden sich einige der am sehnlichsten von Fans herbeigewünschten Titel. Dazu zählen unter anderem das düstere Action-Adventure Legacy of Kain, der Cyberpunk-Klassiker Deus Ex, die aberwitzige Gangster-Serie Saints Row, der Schleichspiel-Meilenstein Thief sowie der rasante Arena-Shooter TimeSplitters. All diese Marken, die einst für Innovation und Leidenschaft standen, hängen derzeit in der Schwebe – ohne bestätigte Entwicklungsprojekte.
Keine Eigenentwicklung, aber offene Türen für Kooperationen
Die entscheidende Frage für die Fangemeinde dieser Serien lautete stets: Werden sie je wieder ein neues Spiel erhalten? Die offizielle Kommunikation von Embracer fällt dazu zunächst ernüchternd aus. Der Konzern bestätigte, dass derzeit keine internen Entwicklungsarbeiten an Deus Ex, Legacy of Kain, Saints Row oder TimeSplitters laufen. Doch die Türen sind keinesfalls endgültig verschlossen. Im Gegenteil: Lars Wingefors, CEO von Embracer, ließ in einer Investorenmitteilung durchblicken, dass der Konzern künftig viel offensiver auf externe Partner zugehen wird. Die Formulierung ist bemerkenswert explizit. so Wingefors, wolle man künftig aktiver die Möglichkeit externer Zusammenarbeit prüfen – ausdrücklich für Marken wie Saints Row, Legacy of Kain, Deus Ex, Red Faction, The Mask, Thief und TimeSplitters. Dies ist eine deutliche Abkehr von der bisherigen Praxis, bei der viele dieser IPs in den Tiefen des Konzernportfolios verschwunden schienen. Die neue Strategie gleicht eher einem Lizenzmodell, bei dem Embracer als Rechteinhaber fungiert und unabhängige Entwicklerstudios die kreative und technische Arbeit übernehmen.
Eine Geschichte voller vielversprechender Ansätze und schmerzhafter Absagen
Der Weg zu dieser neuen Offenheit war von Rückschlägen geprägt. In den letzten Jahren wurden mehrere ambitionierte Projekte innerhalb dieser Marken eingestellt. Besonders schmerzhaft war die Absage eines neuen Teils der TimeSplitters-Reihe, der bei einem eigens dafür gegründeten Studio in Entwicklung war. Auch ein neues Deus Ex-Spiel, das bereits konkrete Formen angenommen hatte, wurde gestoppt. Besonders tragisch ist das Schicksal von Volition, dem Studio hinter Saints Row. Embracer schloss das traditionsreiche Entwicklerhaus, nachdem der letzte Reboot der Serie auf eher verhaltene Resonanz gestoßen war. Ironischerweise hatte ein Entwickler des ursprünglichen Saints Row-Teams zuvor noch versucht, Embracer für eine Prequel-Idee zu begeistern – ohne Erfolg. Diese Beispiele zeigen, dass der Konzern durchaus bereit war, interne Ressourcen in diese Marken zu stecken, aber letztlich die Reißleine zog, wenn die Ergebnisse oder die strategischen Perspektiven nicht überzeugten.
Ein Silberstreif: Remaster und Indie-Projekte halten die Marken am Leben
Trotz der eingestellten Großprojekte ist das Interesse an diesen Marken nicht erloschen. Das belegen die jüngsten Veröffentlichungen. Für die Fans der Vampir-Saga Legacy of Kain gab es in den letzten Monaten gleich mehrere Leckerbissen. So erschienen mit Legacy of Kain Soul Reaver 1 & 2 Remastered und Legacy of Kain: Defiance Remastered liebevoll aufgearbeitete Versionen der Klassiker für moderne Plattformen. Diese Remaster sind ein klares Signal, dass Embracer den Wert dieser IP erkennt, zumindest in Form von lizenzierter Zuarbeit. Daneben gab es mit Legacy of Kain: Ascendance einen unabhängigen, wenn auch wenig erfolgreichen 2D-Ableger. Diese Veröffentlichungen zeigen, dass die Marken nicht tot sind, sondern dass Embracer offenbar kleine, überschaubare und von externen Partnern finanzierte oder entwickelte Projekte bevorzugt, um das Interesse am Franchise zu erhalten, ohne das unternehmerische Risiko eines vollwertigen AAA-Titels tragen zu müssen.
Was bedeutet das für die Zukunft dieser Spiele?
Die Ankündigung von Embracer, aktiver auf Partnerschaften zu setzen, ist ein ermutigendes Signal. Für Studios, die eine dieser legendären Marken wiederbeleben möchten, öffnet sich ein Fenster. Statt einer internen Konzernentwicklung, die mit hohen Budgets und strengen Kontrollen verbunden ist, könnten nun agile, spezialisierte Entwicklerteams die Möglichkeit erhalten, ihre Visionen umzusetzen. Dies könnte zu kreativeren und möglicherweise risikofreudigeren Spielen führen, die sich stärker an den Wurzeln der Serie orientieren. Denkbar ist eine Zukunft, in der Deus Ex als taktischer Indie-Thriller, Legacy of Kain als atmosphärisches Metroidvania oder TimeSplitters als moderner Arena-Shooter aus einem unabhängigen Studio erwacht. Die Tür ist einen Spalt weit offen – es liegt nun an talentierten Entwicklern und den Fans, durch ihre Unterstützung zu zeigen, dass diese Welten mehr als nur eine Erinnerung wert sind.