Die diesjährige Summer Game Fest Woche ist in vollem Gange, und für viele in der Spielebranche bedeutet das: Livestreams, Trailer und Ankündigungen am Fließband. Was einst als kompaktes, physisches Spektakel auf der E3 zelebriert wurde, hat sich in eine endlose Parade digitaler Präsentationen verwandelt. Die Schuld an dieser Entwicklung, so paradox es klingen mag, trägt ein Unternehmen, das eigentlich für seine spielerische Kreativität bekannt ist: Nintendo. Mit der Einführung des Nintendo Direct Formats im Jahr 2011 hat der damalige Präsident Satoru Iwata eine Lawine losgetreten, die die gesamte Branche nachhaltig verändert und letztlich die E3 überflüssig gemacht hat.
Wie das Nintendo Direct die Spielevermarktung revolutionierte
Im Oktober 2011 strahlte Nintendo seine erste Direct-Übertragung aus. Die Idee war ebenso simpel wie genial: Statt sich auf die teure und aufwendige Inszenierung einer Pressekonferenz zu verlassen, wandte sich das Unternehmen direkt an seine Fans. Das Format war bewusst schlicht gehalten – ein Redner in Anzug, oft der japanische Präsident selbst, vor einem weißen Hintergrund, mit einer ruhigen, fast nüchternen Präsentation. Diese minimalistische Ästhetik, die zunächst wie ein schlecht gemachter Firmenfilm wirkte, entpuppte sich als genialer Schachzug. Sie unterstrich Nintendos eigenwilligen Charme und ließ die Spiele selbst im Mittelpunkt stehen. Die Konkurrenz kopierte das Format schnell, verfehlte jedoch meist den ironischen Unterton und setzte stattdessen auf glänzende digitale Kulissen und aufwendige Studiosets.
Der Wendepunkt: E3 2013 und der Anfang vom Ende
Der entscheidende Schlag gegen die traditionelle Messekultur erfolgte auf der E3 2013. Nur anderthalb Jahre nach der ersten Direct-Ausstrahlung verzichtete Nintendo komplett auf seine gewohnte Pressekonferenz und ersetzte sie durch eine global ausgestrahlte Direct-Folge. Satoru Iwata stand in einem leeren, fast surreal wirkenden Konferenzraum – eine Szenerie, die an die Ästhetik des Internet-Horrors „Backrooms“ erinnerte. Jegliche Form von Glamour und Bühnenspektakel wurde bewusst eliminiert. In diesem Moment, so lässt sich argumentieren, begann die E3 zu sterben. Nintendo hatte erkannt, dass Streaming nicht nur günstiger, sondern auch effektiver war, um die eigene Community direkt zu erreichen. Die traditionellen Medien wurden umgangen, fanden aber schnell einen Weg, von den neuen Formaten zu profitieren. Die Fans fühlten sich persönlich angesprochen. Das Modell funktionierte – und es funktionierte zu gut.
Warum das Direct-Format die Branche heute lähmt
Der Erfolg des Nintendo Directs führte zu einer tiefgreifenden Homogenisierung der Spielevermarktung. Andere Plattforminhaber und Publisher erkannten das Potenzial, eigene Zielgruppen zu ihren eigenen Bedingungen zu bedienen. Die E3, einst das zentrale Schaufenster der Branche, verlor zunehmend an Bedeutung, bis sie schließlich ganz aufgegeben wurde. An ihre Stelle trat ein diffuses, digitales Nachbild, das sich lose um Geoff Keighleys Summer Game Fest gruppiert. Das Problem heute: Das Format ist allgegenwärtig und austauschbar geworden. Jeder Showcase gleicht dem nächsten. Es gibt keinen Grund für die Unternehmen, das Rad neu zu erfinden oder Knappheit zu erzeugen, denn die nächste Übertragung kommt bestimmt. Die Folge ist eine gewisse Unterwältigung. Niemand geht mehr wirklich aufs Ganze, weil die nächste große Enthüllung nur wenige Wochen entfernt ist. Was einst eine innovative Direktverbindung zum Kunden war, ist zur standardisierten Routine verkommen.
Was ist das Summer Game Fest und wie hängt es mit Nintendo zusammen?
Das Summer Game Fest ist eine von Geoff Keighley organisierte, digitale Veranstaltungsreihe, die die Lücke füllt, die die E3 hinterlassen hat. Es ist ein loses Bündel aus Ankündigungs-Streams, Trailern und Präsentationen, das über mehrere Wochen im Sommer stattfindet. Die ironische Pointe der Geschichte: Nintendo, der Urheber des Formats, das die E3 überflüssig machte, nimmt am Summer Game Fest oft gar nicht mehr teil. Stattdessen platziert das Unternehmen seine eigenen großen Directs bewusst außerhalb dieses Zeitfensters, meist etwas später im Sommer. Dies unterstreicht die Sonderstellung Nintendos, zeigt aber auch, wie sehr das eigene Kind zum allgegenwärtigen Standard geworden ist, gegen den man sich nun abgrenzen muss.
Die aktuellen Highlights aus dem Nintendo-Universum
Abseits der großen Marktanalyse bietet die Nintendo-Welt auch in dieser Woche wieder einige Perlen. Unser Redakteur empfiehlt als eShop-Spiel der Woche Mina the Hollower von Yacht Club Games, den Machern von Shovel Knight. Das Retro-Meisterwerk verbindet klassische Zelda-Elemente mit Soulslike-Mechaniken und bietet eine magische Mischung aus Herausforderung und Entdeckung. Als Nintendo-Klassiker der Woche wird Donkey Kong ’94 für den Game Boy hervorgehoben – ein meisterhafter Puzzle-Plattformer, der die Grundlage für die Mario vs. Donkey Kong-Reihe legte und diese bis heute übertrifft. Musikalisch überzeugt der Track „Koopa Beach (Super Mario Kart)“ aus dem neuen Mario Kart World-Soundtrack, eine entspannte Bossa-Nova-Interpretation des klassischen Chiptune-Stücks, die die Klarheit der Melodie wunderbar zur Geltung bringt.
Die aktuellen Neuerscheinungen der Woche umfassen unter anderem Tetris: The Grand Master 4 – Absolute Eye (nur im japanischen eShop), das nachhaltige Aufbauspiel Solarpunk für die Switch 2 und das Shmup-Revival FZ: Formation Z, ebenfalls für die Switch 2. Die Vielfalt ist da, doch die Art und Weise, wie sie präsentiert wird, ist längst zum Standard geworden. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass ein weiterer Visionär wie Satoru Iwata aufsteht und das Rad erneut neu erfindet – denn die Branche könnte eine zweite Revolution dringend gebrauchen.