Der Chef von SK Hynix hat nur wenige Stunden nach dem größten Börsengang einer ausländischen Firma in den USA eine ungewöhnlich düstere Prognose für den Speichermarkt abgegeben. Kwak Noh-jung, CEO des südkoreanischen Halbleiterkonzerns, bezeichnete das kommende Jahr 2027 als das voraussichtlich schwierigste für die Branche – ein Statement, das die Anleger an der Wall Street aufhorchen ließ.
Die Warnung am Tag des Rekordbörsengangs
Am 10. Juli begann der Handel mit den American Depositary Receipts (ADRs) von SK Hynix an der Nasdaq. Der Ausgabepreis von 149 Dollar legte am ersten Handelstag um rund 13 Prozent auf 168 Dollar zu. Das Unternehmen nahm durch die Platzierung 26,5 Milliarden Dollar ein – ein Rekord für ein nicht-amerikanisches Unternehmen bei seinem US-Börsendebüt.
Doch statt Jubel kam von Kwak Noh-jung eine Mahnung. Gegenüber Reuters und Bloomberg erklärte er, dass das Jahr 2027 in puncto Versorgung das schlimmste in der Geschichte der Speicherindustrie werden dürfte. Die Kundennachfrage wachse unaufhaltsam, während die Produktionskapazitäten nicht Schritt halten könnten. Der Zustand, in dem die Nachfrage das Angebot übersteige, werde voraussichtlich über das Jahr 2030 hinaus anhalten.
Diese Einschätzung ist inhaltlich nicht völlig neu. Bereits im März hatte SK-Group-Chef Chey Tae-won von einem strukturellen Wafer-Mangel von über 20 Prozent gesprochen, der bis 2030 nicht behoben sein werde. Neu ist der Zeitpunkt: Mitten in der Euphorie über den Milliarden-Börsengang wählt der CEO den Begriff „schlimmstes Jahr“. Das ist entweder ein Zeichen für außergewöhnliche Ehrlichkeit – oder ein strategisches Signal an den Markt.
Wie ein Unternehmen mit 72 Prozent Marge von Knappheit spricht
Die Geschäftszahlen von SK Hynix zeigen, was die Knappheit dem Konzern gebracht hat. Noch 2023 schrieb das Unternehmen operative Verluste, als die Branche unter Überangebot und schwacher Nachfrage litt. Nur zwei Jahre später, im Geschäftsjahr 2025, lag der operative Gewinn bei 47,2 Billionen Won (rund 33 Milliarden Dollar) – mehr als das Doppelte des Vorjahres.
Im ersten Quartal 2026 steigerte sich diese Dynamik weiter. Der operative Gewinn erreichte 37,6 Billionen Won, die operative Marge kletterte auf 72 Prozent. Allein dieses Quartalsergebnis übertraf den gesamten Jahresgewinn von 2024 (23,47 Billionen Won). Der Umsatz von 52,58 Billionen Won bedeutete einen Anstieg um 198 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Und das in einem Quartal, das traditionell schwächer ausfällt.
Treiber dieser Entwicklung ist HBM (High Bandwidth Memory), ein Speichertyp, der für KI-Beschleuniger unverzichtbar ist. SK Hynix hält im ersten Quartal 2026 einen Weltmarktanteil von 56,4 Prozent bei HBM. Der Großteil der in NVIDIA-GPUs verbauten HBM-Chips stammt von SK Hynix – eine Position, die dem Unternehmen enorme Preissetzungsmacht verschafft.
Die Frage liegt nahe: Warum spricht der CEO eines Unternehmens mit 72 Prozent Marge von einem Rekordtief bei der Versorgung? Die Antwort liegt in der Komplexität der HBM-Produktion. Im Vergleich zu herkömmlichem DDR5aaa-Speicher benötigt HBM deutlich mehr Wafer-Fläche. Die Chips werden in mehreren Lagen übereinander gestapelt und über sogenannte Through-Silicon-Vias (TSVs) verbunden – ein aufwendiger Prozess mit niedrigeren Ausbeuten. Jeder Wafer, der für HBM verwendet wird, steht für die Produktion von Standard-DRAM nicht mehr zur Verfügung.
Milliardenschwere Investitionen – und trotzdem eine Lücke
SK Hynix handelt nicht allein. Die südkoreanische Regierung treibt Pläne voran, die Wafer-Produktionskapazitäten von SK Hynix und Samsung innerhalb von fünf Jahren zu verdoppeln. Für jedes der beiden Unternehmen sind Investitionen von rund 400 Billionen Won (etwa 266 Milliarden Dollar) vorgesehen.
SK Hynix selbst beschleunigt den Bau der Fab M15X in Cheongju sowie des Yongin-Halbleiterclusters. Die erste Phase in Yongin soll im kommenden Jahr fertiggestellt werden. In den USA entsteht in Indiana eine 4-Milliarden-Dollar-Fabrik für die Chip-Veredelung. Kwak Noh-jung deutete an, dass auch ein reines Wafer-Werk in den USA, Japan oder Südostasien denkbar sei – eine Entscheidung stehe aber noch aus.
Nur einen Tag vor dem Börsengang von SK Hynix hatte Micron Technology seine Investitionspläne in den USA von 200 auf 250 Milliarden Dollar aufgestockt. In New York laufen die Betonarbeiten für ein neues Werk bereits ein Quartal früher als geplant.
Trotz dieser gewaltigen Summen bleibt Kwaks Prognose düster. Neue Fabriken brauchen Jahre von der Grundsteinlegung bis zur Produktion. Selbst wenn der Yongin-Cluster voll ausgelastet ist, wird ein Großteil der Kapazität für HBM und Server-DRAM reserviert sein. Die UBS erwartet, dass der DRAM-Markt mindestens bis zum zweiten Quartal 2028 unterversorgt bleibt. NVIDIA-CEO Jensen Huang erklärte erst kürzlich, der KI-Speichermangel werde noch Jahre anhalten.
Wer von der Krise profitiert
Die Aussagen des SK-Hynix-Chefs sind nicht als neutrale Marktbeobachtung zu verstehen. Ein anhaltender Mangel sichert den Herstellern ihre Preismacht. Die operative Marge von 72 Prozent ist das direkte Ergebnis der Verknappung. Die Prognose „bis 2030 reicht es nicht“ ist zugleich ein starkes Argument, um Kunden in langfristige Verträge zu binden.
Tatsächlich haben SK Hynix und Micron in den vergangenen Monaten mehrere große Langzeitabkommen geschlossen. Diese Verträge legen Preisober- und -untergrenzen über mehrere Jahre fest und geben den Herstellern Planungssicherheit. Der Börsengang liefert zusätzliches Kapital, um diese Position weiter auszubauen.
Gleichzeitig gibt es Anzeichen für eine Gegenbewegung. Die SK-Hynix-Aktie verlor am koreanischen Markt in den letzten zwei Wochen 18 Prozent. Investoren beginnen, die Nachhaltigkeit des KI-Booms zu hinterfragen. Berichte über Apples Pläne, chinesische Hersteller in die Halbleiter-Lieferkette einzubinden, und Meldungen, dass Meta über den Verkauf überschüssiger KI-Rechenkapazität nachdenkt, nähren die Skepsis.
Die Speicherindustrie folgt traditionell zyklischen Mustern. Auf Phasen der Knappheit folgen Investitionswellen, die schließlich in Überkapazitäten münden. Die Verluste des Jahres 2023 waren die letzte Zyklus-Talsohle. Kwak Noh-jung selbst sagte bei einer internen Veranstaltung im März: „Es gibt Prognosen, wonach der operative Gewinn dieses Jahr 100 Billionen Won erreicht. Aber es ist genauso gut möglich, dass wir 100 Billionen Won Verlust machen.“
Der entscheidende Unterschied zur Vergangenheit ist die Natur der aktuellen Nachfrage. Der HBM-Bedarf ist direkt an den Ausbau der KI-Infrastruktur gekoppelt. Solange die großen Rechenzentrumsbetreiber investieren, dürfte das Angebot strukturell hinterherhinken. Die entscheidende Frage ist nicht, wann die Speicherhersteller genug produzieren, sondern wann die KI-Investitionen nachlassen.
Wohin die 26,5 Milliarden Dollar fließen
Das frisch eingenommene Kapital von 26,5 Milliarden Dollar hat SK Hynix bereits konkreten Projekten zugeordnet: dem Bau des Yongin-Clusters, der Verpackungsanlage in Cheongju und der Beschaffung von EUV-Belichtungsanlagen. Allein in Südkorea plant das Unternehmen bis 2030 Investitionen von 45,5 Billionen Won in Fertigungsanlagen und 11,9 Billionen Won in EUV-Technik.
Die Jahre 2027 und 2028 werden zeigen, ob Kwaks Warnung zutrifft oder ob die massiven Kapazitätserweiterungen die Knappheit schneller beenden als gedacht. Gelingt es, das Angebot spürbar zu erhöhen, droht der Rückfall in den Überangebotszyklus. Bleibt die Lücke bestehen, festigen sich die hohen Preise als neues Normal. Für SK Hynix wäre die ideale Konstellation eine, in der die Knappheit anhält, das eigene Unternehmen aber die Produktion schneller hochfahren kann als die Konkurrenz. Die Botschaft vom ersten Nasdaq-Handelstag zielt genau darauf ab.