Die Annahme, dass Stromversorgung, Kühlung und Gebäudemanagement in Rechenzentren sicher von der IT getrennt sind, erweist sich zunehmend als Irrglaube. Eine umfassende Analyse der Forschungsabteilung „Team82“ von Claroty zeigt, dass diese vermeintlich isolierten Systeme oft nur einen einzigen Netzwerksprung von einer gefährlichen Verbindung ins öffentliche Internet entfernt sind. Das Ergebnis ist alarmierend: Jedes fünfte untersuchte Steuerungs- und Automatisierungssystem in globalen Rechenzentren ist potenziell angreifbar.
Die unsichtbare Gefahr: Cyberphysische Systeme im Visier
Gemeinsam mit Datenwissenschaftlern hat das Claroty-Team mehr als 750.000 cyberphysische Systeme (CPS) in den weltweit größten Rechenzentren unter die Lupe genommen. Diese Systeme – darunter Stromverteilungseinheiten (PDUs), Kühlsysteme und Komponenten der Gebäudeautomation – gelten als das Rückgrat der operativen Infrastruktur. Der Report „State of CPS Security: Data Center Exposures“ offenbart jedoch ein massives Sicherheitsdefizit. Besonders verwundbar sind demnach Stromverteilungseinheiten mit einer Quote von 41 Prozent sowie Kühlsysteme, die zu 32 Prozent als direkt erreichbar klassifiziert wurden.
Die Bedrohung ist kein theoretisches Szenario. Ein im April 2026 dokumentierter Vorfall unterstreicht die reale Gefahr: Die Hacktivistengruppe „Killnet“ soll sich Zugriff auf rund 120.000 unterbrechungsfreie Stromversorgungen (USV) in einem französischen Rechenzentrum und beim Zulieferer Alpha Technologies verschafft haben. Derartige Vorfälle machen deutlich, dass Angreifer den strategischen Wert einer Störung des Rechenzentrumsbetriebs längst erkannt haben.
Gebäudemanagementsysteme: Ein Paradies für Angreifer
Besonders kritisch ist die Lage bei den Systemen des Gebäudemanagements (BMS). Laut der Studie kommunizieren 88 Prozent dieser Anlagen über unsichere, oft unverschlüsselte Protokolle. Zusätzlich laufen 40 Prozent mit veralteter Firmware, die bekannte Sicherheitslücken aufweist. Die veralteten Kommunikationsstandards wie „Bacnet“ und „Modbus“, die ohne jegliche Authentifizierung auskommen, sind weit verbreitet: Über 80 Prozent der Systeme für Operational Technology (OT), Stromüberwachung und das Internet der Dinge (IoT) nutzen diese unsicheren Protokolle. Bei den OT-Systemen setzen sogar 83 Prozent der Rechenzentren auf das besonders anfällige „Modbus“-Protokoll. Die Analyse zeigt zudem, dass 23 Prozent aller IoT-Geräte bereits bekannte und aktiv ausgenutzte Sicherheitslücken (Known Exploited Vulnerabilities, KEV) aufweisen. Dies macht sie zu leichten Zielen für automatisierte Angriffswellen.
Warum die Segmentierung oft versagt
Die Kernfrage lautet: Wie können diese Systeme überhaupt aus der Ferne erreichbar sein, wenn sie doch als vom Internet getrennt gelten? Die Antwort liegt in der oft unzureichenden Netzwerksegmentierung. Viele Anlagen der technischen Gebäudeausrüstung stammen aus Umgebungen mit langen Lebenszyklen, in denen moderne Sicherheitsanforderungen bei der Konzeption keine Rolle spielten. Die steigende Vernetzung für Fernwartung, Monitoring und Energieoptimierung schafft ungewollte Brücken zwischen der kritischen Gebäudeinfrastruktur und dem Firmennetzwerk. Ein einziger Hop – also ein Netzwerksprung über ein unzureichend gesichertes Gateway – genügt, um von einem exponierten IT-System auf die Steuerungsebene der OT zu gelangen.
Vier Strategien zur Sicherung des Rechenzentrums
Die Sicherheitsforscher von Claroty leiten aus den Ergebnissen konkrete Handlungsempfehlungen für Betreiber ab. Das Ziel ist es, die laterale Bewegung von Angreifern im Netzwerk zu unterbinden und die Systeme besser zu isolieren.
- Kontinuierliches Exposure Management: Statt punktueller Tests muss die Erfassung interner Angriffspfade dauerhaft und automatisiert erfolgen. Nur so lassen sich neue Risiken durch Fehlkonfigurationen oder veraltete Software zeitnah erkennen.
- Zero-Trust-Netzwerksegmentierung: Die strikte Unterteilung des Netzwerks in vertrauenswürdige Zonen ist essenziell. Geräte der Gebäudetechnik dürfen keinesfalls ohne Authentifizierung und Autorisierung mit anderen Systemen kommunizieren können.
- Gezielte Härtung der Gebäudemanagementsysteme: Veraltete Firmware und schwache Standardpasswörter müssen durch regelmäßige Updates und eine strenge Konfigurationsverwaltung adressiert werden.
- Protokollbasierte Bedrohungserkennung: Da die OT-spezifischen Protokolle wie Modbus oder Bacnet keine eigene Sicherheit mitbringen, müssen Überwachungssysteme den Datenverkehr auf Anomalien und bekannte Angriffsmuster analysieren.
Der KI-Boom als Brandbeschleuniger
Die Brisanz dieser Sicherheitslücken wird durch den aktuellen KI-Boom noch verstärkt. Amir Preminger, CTO von Claroty, betont, dass Rechenzentren sich zur kritischen Infrastruktur entwickelt haben. Angreifer erkennen zunehmend den Wert, den eine Störung des Betriebs für Erpressung oder Sabotage mit sich bringt. Gleichzeitig steigt der Energiebedarf für KI-Workloads massiv an, wodurch die Abhängigkeit von einer stabilen Stromversorgung und leistungsfähigen Kühlsystemen weiter wächst. Ein Ausfall dieser Steuerungssysteme könnte nicht nur massive finanzielle Schäden verursachen, sondern auch die wirtschaftliche und nationale Sicherheit gefährden. Der Schutz dieser oft vernachlässigten cyberphysischen Systeme ist damit nicht länger eine Frage der optionalen Optimierung, sondern eine der grundlegenden Betriebssicherheit in Zeiten digitaler Abhängigkeit.