Tabitha Review: Ein Serienporträt mit dramaturgischen Schwächen

Wer mehrmals in seinem Leben umgezogen ist und dabei die freudlose Bürde des Packens und Auspackens persönlich erfahren hat, hätte wohl jeden für verrückt erklärt, der das Ganze als entspannendes Hobby verkaufen wollte. Ein Cozy Game, das sich genau diesen Aufgaben widmet, klingt zunächst nach einer etwas gewöhnungsbedürftigen Prämisse. Doch wie so oft in der Spielwelt überzeugt erst die Praxis: Nach Titeln wie „Unpacking“ wächst die Neugier auf ähnliche Erfahrungen, auf dieses bittersüße Gefühl, ein Lebenskapitel abzuschließen und die vermeintlich unwichtigen Dinge, die es einst definierten, in kleine, ordentliche Kartons zu verpacken. Genau hier setzt „A Storied Life: Tabitha“ an – und entfaltet dabei eine erzählerische Kraft, die leider nicht ganz frei von dramaturgischen Schwächen bleibt.

Ein Spiel über das Erinnern, nicht über das Ausmisten

Entgegen der Erwartung schlüpft der Spieler nicht in die Rolle der namensgebenden Tabitha. Vielmehr ist man ein unbenannter Verwandter, der nach ihrem Tod den Auftrag erhält, ihren Hausstand zu sichten und dabei einige Wertgegenstände zu Geld zu machen, um sich eine Urlaubsreise zu finanzieren. Dies klingt nach einem simplen Inventarisierungsspiel, doch der eigentliche Kern liegt tiefer. Tabitha hatte einst daran gearbeitet, ihre Memoiren zu veröffentlichen, doch das Manuskript wurde beschädigt. Die Aufgabe des Spielers ist es nun, diese Lücken zu füllen – und zwar auf eine höchst originelle, Mad-Libs-artige Weise.

Die Poesie der Gegenstände und die Freiheit der Deutung

Der eigentliche Zauber des Spiels offenbart sich in der Interaktion mit den zahllosen Objekten, die Tabithas Haus bevölkern. Für jedes Zimmer steht ein großer Karton zur Verfügung. Jeder Gegenstand, den man darin verstaut, liefert später bestimmte Wörter oder Satzfragmente, mit denen die leeren Stellen in der Biografie gefüllt werden können. Die Genialität liegt in der schrankenlosen Freiheit: Eine zerschlagene Vase, eine unheimliche Puppe, sogar Katzenkot – theoretisch kann alles eingepackt werden, solange es im Raster des Kartons Platz findet. Es gibt keine technisch „richtigen“ oder „falschen“ Entscheidungen, sondern nur persönliche, von Neugier oder Sentimentalität geleitete Wahl.

Diese Objekte sind nicht bloß Füllmaterial. Sie sind Träger von Geschichten, die sich zu verschiedenen narrativen Strängen verweben. Eine erste, ungesteuerte Spielsession, in der man einfach alles Merkwürdige und Interessante einpackt, kann zu einer absurd-komischen Biografie führen. Konzentriert man sich hingegen auf bestimmte Gegenstandsgruppen, erschließen sich tiefergehende, emotional dichte Lebensgeschichten Tabithas, die von herzerwärmend bis herzzerreißend reichen können. Das Spiel vertraut darauf, dass der Spieler die Geschichte selbst entdeckt, anstatt sie ihm vorzusetzen – eine Stärke, die es von vielen narrativ-linearen Titeln abhebt.

Die Fesseln des Kartons: Logistische und dramaturgische Grenzen

Während die erzählerische Idee brillant ist, stößt das eigentliche Pack-Puzzle-Spiel an Grenzen, die den Flow und die Immersion beeinträchtigen. Die Limitierung auf nur einen Karton pro Raum erweist sich als schwerwiegende Einschränkung. Da viele Gegenstände ungewöhnliche Formen haben, muss man oft hartnäckig puzzeln, um überhaupt drei oder vier Dinge unterzubringen. Der Großteil eines Zimmers landet somit zwangsläufig im Recycling oder im Verkauf. Diese mechanische Beschränkung steht im krassen Widerspruch zur ansonsten proklamierten Spielerfreiheit und der Aufforderung, die Geschichte durch Objekte zu erkunden.

Zwar sind die Gegenstände einer spezifischen Erzählstraße so designt, dass sie zusammenpassen sollten, doch das Gefühl, gezwungen zu sein, den Großteil von Tabithas Leben wegzuwerfen, um Platz für ein paar Schlüsselobjekte zu schaffen, ist narrativ unbefriedigend. Zusätzliche Faktoren wie das Gewicht der Box und die bruchanfällige Natur einiger Objekte (die mit speziellem Verpackungsmaterial geschützt werden müssen) komplizieren die Sache weiter. Der Entwickler Lab42 bietet zwar einen „Entspannten Modus“ an, der einige dieser Anforderungen ausschaltet, doch dies fühlt sich wie ein Zugeständnis an ein Problem an, das durch besseres Design von vornherein hätte vermieden werden können. Ein zweiter Karton oder ein erweitertes Inventar hätten mehr kreatives Paket-Management und eine reichhaltigere Sammlung von Geschichtsfragmenten ermöglicht.

Die kurze Begegnung und das Problem der Wiederholbarkeit

Eine weitere Schwäche liegt in der begrenzten Wiederspielbarkeit. Spiele wie „Unpacking“ profitieren davon, dass man Räume immer wieder anders dekorieren kann. „A Storied Life: Tabitha“ ist hingegen ein linearer Prozess des Leeräumens. Der Hauptanreiz für weitere Durchgänge ist die Entdeckung aller verschiedenen Memoiren-Versionen. Nach etwa 10 bis 15 Spielstunden sind jedoch alle narrativen Pfade ausgelotet. Das Spiel kompensiert dies glücklicherweise mit liebevollen Details und einigen wahrhaft überraschenden, skurrilen Wendungen, die den Spieler aus jeder Routine reißen und der Welt eine unerwartete Tiefe verleihen. Diese Momente sind es, die in Erinnerung bleiben, aber sie können die strukturelle Begrenztheit des Gesamterlebnisses nicht vollständig ausgleichen.

Ein unvollkommenes, aber unvergessliches Porträt

„A Storied Life: Tabitha“ bleibt trotz seiner mechanischen Mängel ein bemerkenswertes Spiel. Es ist ein zutiefst menschliches und einfühlsames Porträt, das die Poesie alltäglicher Gegenstände und die Subjektivität von Erinnerung feiert. Die Art und Weise, wie es den Spieler zum Archivar und gleichzeitig zum Autor eines Lebens macht, ist einzigartig und kraftvoll. Die emotionalen Resonanzen, die es auslösen kann, sind echt und nachhaltig. Man verlässt Tabithas Haus nicht nur mit einem gefüllten Memoirenheft, sondern mit dem Gefühl, eine Person wirklich kennengelernt zu haben – oder vielmehr, eine Version von ihr erschaffen zu haben. Diese narrative Stärke macht das Spiel zu einem wertvollen Experiment, das hoffentlich den Grundstein für eine Serie legt, in der die Idee weiter verfeinert werden kann. Denn so schwer der Abschied von Tabitha auch fällt, das Potential dieser erzählerischen Form ist noch lange nicht ausgeschöpft.

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