Pokémon Go-Scans für KI-Drohnentraining genutzt

Eine investigative Recherche zeigt, wie Spielerdaten eines harmlosen Handyspiels für militärische Navigationstechnologie verwendet werden.

Fast 30 Milliarden AR-Scans aus Pokémon Go landeten bei einem Unternehmen für Militärdrohnen.
Highlights
  • Die Spielerdaten trainieren ein KI-Modell für ein Visual Positioning System, das Drohnen auch ohne GPS navigieren lässt.
  • Niantic Spatial, ein Spin-off des Spieleentwicklers, arbeitet mit dem Rüstungsunternehmen Vantor zusammen.
  • Ethik-Experten kritisieren, dass Millionen Spieler unwissentlich zur militärischen Technologieentwicklung beigetragen haben.

Fast 30 Milliarden Scans, die von Spielerinnen und Spielern von Pokémon Go erstellt wurden, sind offenbar an ein Unternehmen für militärische Drohnentechnologie weitergegeben worden. Eine investigative Recherche der niederländischen Zeitung Trouw, veröffentlicht am 5. Juni, legt offen, wie diese Daten – Videosequenzen von Orten, die von Nutzern aufgezeichnet und von der App belohnt werden – zur Entwicklung eines Navigationssystems für militärische Drohnen und Roboter geführt haben. Die Recherche wirft ein grelles Licht auf die oft undurchsichtigen Verwertungsketten von Nutzerdaten und die ethischen Grauzonen, in denen sich Technologiekonzerne bewegen.

Von der Pokémon-Jagd zur militärischen Navigation

Die Scans, die ursprünglich dazu dienten, die augmented Reality (AR)-Umgebung von Pokémon Go zu verbessern, sind nun im Besitz von Niantic Spatial. Dieses Unternehmen ist ein Ableger von Niantic, dem Entwickler des einstigen Megahits. Laut dem Trouw-Bericht wurden die Daten genutzt, um ein 3D-Modell zu trainieren, das es ermöglicht, Räume auch dann präzise zu navigieren, wenn das GPS-Signal ausfällt. Diese Technologie, ein Visual Positioning System (VPS), bildet die Grundlage für ein umfassendes Large Geospatial Model (LGM).

Niantic hatte bereits Ende 2024 bestätigt, dass es in den letzten fünf Jahren an KI-Modellen für sein VPS arbeitet. Wenn Spieler der Nutzung ihrer AR-Scans zustimmen, fließen diese Daten in das System. Damals versicherte das Unternehmen noch, dass die persönlichen Daten der Spieler „an niemanden verkauft“ worden seien.

Die undurchsichtige Rolle von Vantor

Niantic Spatial arbeitet jedoch nicht im luftleeren Raum. Bereits im Dezember des Vorjahres ging das Unternehmen eine Partnerschaft mit Vantor ein. Vantor bezeichnet sich selbst als Anbieter von „vereinheitlichter räumlicher Intelligenz“ und operiert in den Bereichen Verteidigung, Geheimdienst und kommerzielle Sektoren. Genau diese Verbindung ist es, die die Frage nach der militärischen Nutzung der Pokémon Go-Daten aufwirft.

Vantor selbst bestreitet, die Daten von Pokémon Go direkt zu nutzen. Auf Nachfrage von Trouw wollte das Unternehmen jedoch weder bestätigen noch dementieren, dass das zugrundeliegende **Modell** mit diesen Daten trainiert wurde. Diese semantische Spitzfindigkeit ist bezeichnend für den Umgang mit der Angelegenheit. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Vantor die Rohdaten einspielt, sondern ob das von Niantic Spatial trainierte KI-Modell, das auf diesen Milliarden Scans basiert, in Vantors militärischen Systemen zum Einsatz kommt.

Ausweichende Antworten und ein klares ethisches Problem

Die Kommunikation von Niantic Spatial zu diesem Thema ist vage. Auf frühere Fragen von Trouw zur Zusammenarbeit mit dem Lieferroboter-Unternehmen Coco Robotics hatte ein Sprecher lediglich geantwortet, dass die Scans für eine „frühe Version“ des Modells verwendet worden seien. Auf die konkrete Nachfrage, wie die Kooperation mit einem Rüstungsunternehmen zu bewerten sei, erklärte Niantic Spatial, man habe „derzeit keine neuen Informationen mitzuteilen“.

Das Unternehmen betont zwar die Freiwilligkeit der Spieler und die Einhaltung ethischer Grundsätze. In einer Stellungnahme hieß es: „Wir sind bestrebt, mit allen unseren Kunden und Partnern zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass die Produkte von Niantic Spatial verantwortungsvoll und unter Achtung der Menschenrechte und ethischen Grundsätze eingesetzt werden.“ Diese allgemeinen Floskeln wirken jedoch angesichts der konkreten Vorwürfe wenig überzeugend.

Wie funktioniert die Umleitung der Spielerdaten? Eine Antwort für die Suchmaschine

Die Kernfrage des Skandals lautet: Wie können die AR-Scans von Pokémon Go-Spielern in einem militärischen Navigationssystem landen? Der Prozess ist mehrstufig. Zunächst zeichnen Spieler, die der Datensammlung zugestimmt haben, kurze Videosequenzen ihrer Umgebung auf, um virtuelle Pokémon zu platzieren oder zu finden. Diese Daten werden an Niantic übermittelt und dienen dem Training eines KI-Modells zur 3D-Rekonstruktion von Orten (Visual Positioning System). Niantic hat dieses Modell an sein Spin-off Niantic Spatial übertragen. Niantic Spatial wiederum hat eine Partnerschaft mit Vantor geschlossen, einem Unternehmen, das räumliche Intelligenz für militärische Anwendungen liefert. Die Spielerdaten trainieren also das Modell, das letztlich den Drohnen die Orientierung ohne GPS ermöglicht.

Die Perspektive der Ethik: Die Spieler als unwissentliche Helfer

Jeroen van den Hoven, Professor für Ethik und Technologie an der TU Delft, zieht einen klaren und beunruhigenden Schluss. „Ohne die große Anzahl von Scans all dieser Gamer wäre die Entwicklung dieses Systems nie so schnell vorangegangen“, sagte er Trouw. „Die Spieler haben indirekt, auf eine vielleicht minimale, aber effektive Weise, zu militärischen Anwendungen beigetragen.“ Dieses Statement verdeutlicht das Kernproblem: Millionen Spieler haben durch das Spielen eines harmlosen Handyspiels zur Entwicklung von Technologien beigetragen, die sie in dieser Form weder absehen noch unterstützen wollten.

Game Developer, die Fachpublikation, die den ursprünglichen Bericht aufgriff, hat Scopely (den neuen Eigentümer von Niantic), Niantic selbst und die Pokémon Company um Klärung gebeten. Bislang stehen die Antworten aus. Die Recherche von Trouw zeigt jedoch, dass die Grenzen zwischen Spielspaß, kommerzieller Datenverwertung und militärischer Technologie längst fließend sind – oft ohne das Wissen derer, die die Daten liefern.

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