Der Markt für SSDs im Einzelhandel, wie ihn Selbstbau-PC-Enthusiasten seit Jahren kennen, existiert praktisch nicht mehr. Ein hochrangiger Manager von Silicon Motion, dem weltweit führenden Hersteller von SSD-Controllern, hat auf der Computex 2026 bestätigt, was sich in den vergangenen Monaten bereits abgezeichnet hat: Das Regal im Laden, in dem Kunden nach ihrer favorisierten SSD greifen konnten, ist zur Ausnahme geworden. Die Ursache ist kein Nachfragerückgang, sondern ein fundamentaler Wandel in der Zuteilung von NAND-Flash-Speicher.
Nicht die Nachfrage ist verschwunden, sondern das Angebot
Nelson Duann, Senior Vice President und Leiter des Client- & Automotive-Storage-Geschäfts bei Silicon Motion, beschrieb auf der Messe eine drastische Verschiebung der Lieferströme. Die Auslieferungen von SSD-Controllern, so Duann, steigen sogar. Nur gehen die fertigen Module nicht mehr an den Einzelhandel, sondern direkt an PC-OEMs wie Acer, ASUS, Dell und HP. Der Grund: Diese Hersteller bekommen selbst von den NAND-Produzenten nicht mehr genügend Speicherchips, weil die großen NAND-Hersteller ihre Kapazitäten radikal umgeschichtet haben. Der Bedarf an SSDs im Einzelhandel ist nicht eingebrochen. Was fehlt, ist der physische Nachschub, der früher in den Regalen landete.
KI-Datencenter verschlingen 70 bis 80 Prozent der NAND-Produktion
Die neue Rangordnung der NAND-Zuteilung ist eindeutig. An erster Stelle stehen mit großem Abstand Datencenter für Künstliche Intelligenz. Duann bezifferte ihren Anteil an der gesamten NAND-Verteilung auf 70 bis 80 Prozent. An zweiter Stelle folgen Smartphones, weil sie zusammen mit DRAM gebündelt verkauft werden. Erst danach kommen PCs, und ganz hinten rangiert der Automobilsektor. Die verbleibenden 20 bis 30 Prozent müssen sich Smartphones, PCs, Automotive und alle sonstigen Anwendungen teilen. Für den Einzelhandel bleibt faktisch nichts mehr übrig. Diese Verteilung hat dazu geführt, dass PC-OEMs, die früher direkt bei den NAND-Herstellern kaufen konnten, nun auf die Modulhersteller angewiesen sind – genau jene Firmen, die früher den Retail-Markt belieferten. Die Modulhersteller wiederum haben ihre Produktion nahezu vollständig auf OEM-Aufträge umgestellt. Die Kapazitäten, die früher für Eigenmarken wie Crucial, Kingston oder WD im Einzelhandel vorgesehen waren, fließen nun in Verträge mit PC-Herstellern.
Für Verbraucher bedeutet das eine doppelte Belastung. Die Menge an verfügbaren Retail-SSDs sinkt, während die Kosten, die OEMs für die teuren Module zahlen, über die fertigen PCs an die Kunden weitergegeben werden. Sowohl Selbstbauer als auch Käufer vorkonfigurierter Rechner zahlen letztlich den Preis derselben Angebotsverknappung.
Warum Controller-Hersteller wie Silicon Motion profitieren
Die strukturelle Veränderung hat Gewinner – und dazu gehört Silicon Motion selbst. Duann räumte ein, dass sein Unternehmen von der aktuellen Situation profitiert. Der Umsatz im ersten Quartal 2026 stieg auf 342,1 Millionen US-Dollar, ein Plus von 105 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der SSD-Controller-Umsatz legte um 40 bis 45 Prozent zu. Auch der Konkurrent Phison verzeichnete im selben Zeitraum Rekordquartale. Der Grund: Je mehr NAND-Hersteller ihre Fertigung auf hochwertige Produkte für KI-Datencenter konzentrieren, desto höher sind die Anforderungen an die dazugehörigen Controller. Hochpreisige Produkte verkaufen sich besser, und die gestiegenen Stückzahlen werden durch höhere Durchschnittsverkaufspreise mehr als ausgeglichen.
Duann selbst sagte dazu sinngemäß, man wolle die Situation nicht gutheißen, aber man profitiere zweifellos davon.
China bleibt eine Ausnahme – andere Märkte trifft es härter
Eine bemerkenswerte Sonderstellung nimmt der chinesische Markt ein. Duann wies darauf hin, dass chinesische NAND-Hersteller aufgrund staatlicher Vorgaben gezwungen sind, einen Teil ihrer Produktion für die heimische Industrie zu reservieren. Chinesische PC-Marken wie Lenovo leiden daher weniger unter der Knappheit als ihre internationalen Konkurrenten. Während ausländische NAND-Hersteller ihre Lieferungen primär nach Renditegesichtspunkten steuern und die profitablen Datencenter bevorzugen, sorgt die chinesische Industriepolitik für eine gleichmäßigere Versorgung des heimischen Marktes. Wie tief die Knappheit selbst dort greift, zeigt der Schritt des chinesischen Modulherstellers Biwin, der kürzlich einen Zweijahresvertrag mit einem anonymen NAND-Lieferanten über 1,86 Milliarden US-Dollar zu Festpreisen abgeschlossen hat. Ein Vertrag, der den gesamten Jahresumsatz übersteigt, spricht Bände über die Anspannung am Markt.
2027 wird die Lage noch dramatischer
Die aktuellen Engpässe sind laut Duann erst der Anfang. Nach Gesprächen mit NAND-Herstellern auf der Computex zeichnet sich ein düsteres Bild für die kommenden Jahre. Die derzeit im Bau befindlichen neuen Fabriken werden frühestens in der zweiten Hälfte des Jahres 2027 oder ab 2028 nennenswerte Mengen ausliefern. Die Nachfrage nach NAND-Speicher, getrieben durch KI-Anwendungen, wird im gleichen Zeitraum jedoch um nahezu 100 Prozent wachsen. Die Bit-Lieferungen der Hersteller können da nicht mithalten. Besonders stark betroffen sein werden Low-End-Smartphones und PCs, da sie die niedrigste Priorität in der NAND-Verteilung haben. Premiumprodukte mit hohen Margen überleben, weil die Hersteller ihre knappen Chips bevorzugt in diese Geräte stecken. Der Kollateralschaden des KI-Booms ist damit klar: Der erste und lautloseste Verlierer ist der private Endkunde, der eine SSD im Laden kaufen möchte. Die leeren Regale sind keine vorübergehende Lieferstörung. Sie sind das Symptom eines Marktes, der sich an einen anderen Ort verschoben hat.
Referenz: Tom’s Hardware: Silicon Motion SVP Nelson Duann Interview