KI-generierte Spiele sind keine ferne Zukunftsvision mehr. Der Co-CEO von CD Projekt Red, Michał Nowakowski, spricht offen über das, was er bereits in Gesprächen mit Entwicklern dieser Technologie gesehen hat: vollständig automatisch erstellte Spiele, die in wenigen Wochen vom Prototypen zum fertigen Produkt werden. Seine Warnung richtet sich nicht gegen die Technologie an sich, sondern gegen die absehbare Konsequenz einer Überschwemmung des Marktes mit minderwertigen Inhalten.
„Drei Wochen bis zum Launch“ – Ein Studio-Chef berichtet von der KI-Pipeline
Im Gespräch mit dem Newsletter Edge’s Knowledge schilderte Nowakowski eine Begegnung, die ihn nachdenklich stimmte. Der Gründer eines Studios, das seine Entwicklung nahezu vollständig auf KI-gestützte Prozesse stützt, erklärte ihm seine Arbeitsweise mit beeindruckender Nüchternheit: „Ich kann innerhalb einer Woche 40 Prototypen erstellen. In zwei Wochen habe ich dann die fünf besten Spiele ausgewählt. Und in der dritten Woche launch ich ein fertiges Spiel.“ – eine Produktionsgeschwindigkeit, die in einem krassen Gegensatz zu den mehrjährigen Entwicklungszyklen steht, für die CD Projekt Red (CDPR) mit Marken wie The Witcher und Cyberpunk 2077 bekannt ist.
Nowakowski zeigte sich wenig begeistert von dieser Vision, auch wenn er deren technische Machbarkeit nicht in Frage stellte. Seine Skepsis ist bezeichnend für die Haltung eines der erfolgreichsten Studios der Branche, das seinen Ruf auf handgefertigten Welten, dichter Erzählkunst und aufwendiger Inszenierung aufgebaut hat. Ein Drei-Wochen-Zyklus – so ließ er durchblicken – sei nicht der Weg, den er für qualitativ hochwertige Spieleentwicklung als zielführend erachtet.
Flut von KI-Spielen: Die Gefahr für die Spieleplattformen
Die Bedenken des CDPR-CEOs gehen über das einzelne Studio hinaus. Seine eigentliche Sorge gilt den Vertriebsplattformen, die bereits heute unter einer Überlastung an Titeln leiden. Steam ist das Paradebeispiel: Die Sichtbarkeit für neue Spiele ist dort bereits jetzt extrem eingeschränkt. Wenn ein Studio – wie von Nowakowski geschildert – in kürzester Zeit fünf Spiele veröffentlichen kann, steigt die Masse an Inhalten explosionsartig an. Das Problem der „Discoverability“ (Auffindbarkeit) für gute Titel wird dadurch massiv verschärft. „Genuin gute Spiele“, so Nowakowskis implizite Befürchtung, könnten unter einer Flut von „KI-Slop“ regelrecht begraben werden – einer Masse an Inhalten, die zwar technisch funktioniert, aber keinerlei Handarbeit, Tiefe oder künstlerischen Anspruch erkennen lässt.
Die Branche ist bereits gespalten: Zwischen Nutzung und Ablehnung
Die aktuelle Gemengelage in der Spieleindustrie ist tatsächlich widersprüchlich. Während Nowakowski vor einer Überflutung warnt, zeigen andere Daten ein anderes Bild: Eine interne Umfrage von Google, deren Ergebnisse Jack Buser kürzlich bekannt gab, kommt zu dem Schluss, dass bereits rund 9 von 10 Spieleentwicklern KI-gestützte Werkzeuge einsetzen. Viele dieser Unternehmen sprechen jedoch nicht offen darüber.
Epic Games-Chef Tim Sweeney geht sogar noch weiter und argumentiert, dass die Integration von KI so universell und unsichtbar werde, dass spezielle Offenlegungspflichten – wie sie etwa von Steam gefordert werden – letztlich sinnlos seien. Seine Position: KI sei längst ein Standardwerkzeug, dessen Kennzeichnung keine echte Information mehr für den Spieler biete.
Dass die Diskussion emotional aufgeladen ist, zeigten zuletzt zwei prominente Beispiele:
- Crystal Dynamics musste auf dem Steam-Eintrag von „Tomb Raider: Legacy of Atlantis“ einen KI-Hinweis nachschieben, nachdem die Community negativ reagiert hatte. Das Studio stellte klar, dass KI-Tools nur für die frühe Konzeptphase genutzt wurden; alle finalen Assets seien von Menschenhand erstellt.
- Pearl Abyss, das Studio hinter Crimson Desert, musste sich öffentlich entschuldigen, nachdem KI-generierte Kunstwerke in seinem Spiel entdeckt worden waren. Auch hier war die Reaktion der Spieler-Community eindeutig ablehnend.
Sonys Strategie: KI als Hebel – PC-Ports in den Hintergrund
Ein weiterer, bemerkenswerter Indikator für den Wandel in der Branche kommt von Sony. In seinem aktuellen Geschäftsstrategiebericht für das Jahr 2026 hat der Konzern einen völlig neuen Abschnitt eingefügt, der sich ausschließlich der Künstlichen Intelligenz widmet. Darin wird KI als Werkzeug beschrieben, das „die Kreativität der Studios freisetzen“ könne. Interessant ist die gleichzeitige Streichung: Das Dokument enthält keinerlei Erwähnung mehr von PC-Ports, die noch in früheren Strategieberichten ein Schwerpunkt waren. Sony selbst hat zudem bestätigt, dass in Projekten wie der Horizon Zero Dawn Remastered KI-gestützte Animationstechniken zum Einsatz kamen.
Was das für Spieler bedeutet: Die kommende Unübersichtlichkeit
Die unmittelbare Gefahr für Spieler ist nicht, dass Studios wie CD Projekt Red plötzlich verschwinden. Die Gefahr ist eine strukturelle: Plattformsättigung. Wenn es für Entwickler technisch und wirtschaftlich machbar wird, Spiele in Rekordzeit auf den Markt zu werfen, dann leidet nicht nur die Qualität im Durchschnitt. Es leidet vor allem die Fähigkeit des Marktes, gute von schlechten Spielen zu trennen. Ein unabhängiges, liebevoll entwickeltes Indie-Spiel könnte dann in einer Masse von automatisch generierten Titeln untergehen, die zwar technisch funktionieren, aber keinerlei Seele besitzen.
Ob die neuen KI-Studios, die Nowakowski am Horizont sieht, tatsächlich kommerziell erfolgreich sein werden oder ob sie schlicht an ihrer eigenen Volumenstrategie scheitern, ist die entscheidende Frage. Im Moment spricht viel dafür, dass die Branche – und die Spieler – auf ein Szenario hoffen, in dem Qualität sich am Ende doch gegen die bloße Quantität durchsetzt. Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen, ob die Warnung des CDPR-CEOs rechtzeitig kommt oder ob der Damm bereits gebrochen ist.