Das quelloffene Windows-kompatible Betriebssystem ReactOS hat gleich zwei bedeutende Meilensteine in der ersten Juliwoche 2026 erreicht: Half-Life 2 läuft auf dem System, und im Kernel wurde der erste Systemaufruf der NT6-Generation implementiert. Das Projekt, das 2026 sein 30-jähriges Bestehen feiert, beschleunigt seine Entwicklung in ungewohnter Weise.
Von GoldSrc zu Source: Half-Life 2 läuft auf ReactOS
Erst Ende Juni 2026 hatte das Team gezeigt, dass der 1998er-Klassiker Half-Life auf einem System mit GeForce 8400GS unter ReactOS spielbar ist. Keine 30 Tage später folgte nun der Nachfolger: Half-Life 2 aus dem Jahr 2004 läuft auf ReactOS. Das Setup nutzt eine GeForce GTX 960 mit NVIDIAs Legacy-Treiber 368.61 für Windows sowie einen Creative Sound Blaster Audigy. Während der Vorgänger noch auf Valves GoldSrc-Engine und deren OpenGL-Pipeline setzte, nutzt Half-Life 2 die hauseigene Source-Engine – ein anderes Rendering-Modell mit anderen API-Aufrufen. Spiel und Engine laufen Berichten zufolge im In-Game-Bereich stabil und flüssig, wie ein Video auf YouTube belegt.
Dieser Erfolg ist aus technischer Sicht bemerkenswert, weil ReactOS keine Übersetzungsschicht wie Wine verwendet. Wine fängt Windows-API-Aufrufe auf Linux oder macOS ab und wandelt sie um, bleibt aber auf den Host-Kernel angewiesen. ReactOS hingegen ist ein eigenständiges Betriebssystem, das den Windows-NT-Kernel vollständig nachimplementiert. Dass die Source-Engine auf diesem nachgebauten Kernel samt eigenem Grafik- und Sound-Stack funktioniert, zeigt, wie weit die Kernel-Reimplementierung inzwischen fortgeschritten ist. Half-Life 2 unter Wine zu betreiben ist heute alltäglich – unter ReactOS ist es der Beweis, dass die Kernel-Reinigung den Belastungen einer modernen 3D-Anwendung standhält.
Erster NT6-Systemaufruf im ReactOS-Kernel
Nur drei Tage vor dem Half-Life-2-Erfolg, am 1. Juli 2026, wurde im ReactOS-Kernel die Funktion NtGetCurrentProcessorNumberExcodecodecodecodecodecode implementiert. Dieser Systemaufruf gibt die Nummer des logischen Prozessors zurück, auf dem der aufrufende Thread gerade ausgeführt wird. Es handelt sich um eine API, die mit Windows Vista – also der NT6-Generation – eingeführt wurde und in Windows 7, 8 und 8.1 gleichermaßen genutzt wird.
ReactOS hat sich jahrelang auf Kompatibilität mit NT 5.2 (Windows XP / Server 2003) konzentriert. Der Schritt zu NT6 erweitert die mögliche Zielplattform erheblich – von XP auf die gesamte Vista- und Windows-7-Ära. Das Entwicklungsteam selbst bezeichnet diesen Commit als „bemerkenswerten Meilenstein für die Vista+-Kompatibilität“. Zwar hat die einzelne Funktion aktuell keine unmittelbare praktische Wirkung, sie ist aber das Fundament, auf dem weitere NT6-Aufrufe aufbauen können. Das offene Projekt twitterte dazu: „Der erste NT6-Call im ReactOS-Kernel ist jetzt implementiert – eine großartige Zeit, um beizutreten und mitzuentwickeln.“
Eine Timeline der Erfolge: ReactOS im ersten Halbjahr 2026
ReactOS hat im Jahr 2026 eine außergewöhnliche Dichte an Fortschritten erzielt. Eine kurze Chronologie zeigt das Tempo:
- 1. Januar 2026: Die MSVCRT-Bibliothek wird mit Wine 10.0 synchronisiert, die Zahl fehlgeschlagener API-Tests sinkt um rund 30 Prozent.
- 18. Januar 2026: Nach über zehn Jahren als offener Punkt wird die Unterstützung asynchroner TCP-Verbindungen implementiert.
- Mai 2026: Erster experimenteller Bootvorgang auf ARM64 bestätigt.
- Juni 2026: Half-Life läuft auf realer Hardware (GeForce 8400GS).
- 1. Juli 2026: Erster NT6-Systemaufruf im Kernel gepingt.
- 5. Juli 2026: Half-Life 2 läuft auf realer Hardware (GeForce GTX 960).
Diese Reihe von Errungenschaften – Bibliothekssynchronisation, Netzwerk-Support, neue Architektur und reale Spielekompatibilität – zeigt, dass das Projekt nach 30 Jahren Entwicklung eine Phase beschleunigter Reifung durchläuft. Insbesondere die Half-Life-2-Demo dient als Stresstest für die gesamte Kernel- und Treiberebene, da ein 3D-Spiel Timing, Speicherverwaltung, GPU-Rendering und Dateizugriffe gleichzeitig fordert.
Das Missverständnis „Russisches Projekt“
Unmittelbar nach der Half-Life-2-Meldung entbrannte in Kommentarspalten eine Diskussion, die wenig mit Technik zu tun hatte. Einige Postings argumentierten, ReactOS sei ein russisches Projekt und müsse gemieden werden – gestützt auf die Kategorisierung bei DistroWatch, wo als „Origin“ Russland angegeben ist.
Die Faktenlage ist differenzierter: Das Projekt startete 1996 als FreeWin95 und wurde 1998 in ReactOS umbenannt. Die ReactOS Foundation war tatsächlich zeitweise in Russland registriert, wurde aber 2015 aufgelöst. Die heutige Rechtsform ist der ReactOS Deutschland e.V., ein gemeinnütziger Verein nach deutschem Recht, der 2009 von sieben Entwicklern in Osnabrück gegründet wurde. Spenden fließen über PayPal und SEPA auf deutsche Bankkonten, Jahresberichte werden veröffentlicht. Die Entwickler-Community ist multinational – die Commit-Historie auf GitHub zeigt Beitragende aus vielen Ländern. Die „Origin“-Kennzeichnung bei DistroWatch ist eine geografische Klassifikation aus der Frühzeit des Projekts und spiegelt weder die heutige Governance noch die Finanzströme wider. Dass einzelne russische Entwickler mitwirken, ist unbestreitbar – ebenso unbestreitbar ist, dass der Code unter GPLv2 steht und von einer internationalen Gemeinschaft gepflegt wird. Die Frage, ob man Open-Source-Code nach Nationalität der Mitwirkenden beurteilen sollte, spaltet die Community – die Mehrheit der Stimmen sprach sich in den Diskussionen gegen eine solche Politisierung aus.
ReactOS bleibt ein technisch ambitioniertes Vorhaben: Ein Betriebssystem, das Windows-Apps ohne Lizenzgebühren und ohne Übersetzungsschicht ausführt. Die Fortschritte von 2026 – von Half-Life 2 über den NT6-Kernel-Call bis zu ARM64 – unterstreichen, dass das Projekt trotz seines Alters keineswegs stagniert. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die neu gewonnene Dynamik in eine stabile Beta oder gar eine erste Release-Kandidatur mündet.