Rivian R2 im ersten Test: Zweites SUV ist das bisher beste

Erster Fahrbericht zum Rivian R2: Das zweite SUV der Amerikaner könnte der entscheidende Schritt zum Erfolg sein.

Der Rivian R2 im ersten Test: Innenraumqualität auf hohem Niveau, innovative Haptic Halos und eine noch unfertige Software.
Highlights
  • Der Rivian R2 überzeugt mit einer hochwertigen Innenraumqualität, die kaum Abstriche zum teuren R1-Modell macht.
  • Die innovativen Haptic Halos am Lenkrad bieten vielseitige Bedienmöglichkeiten, leiden aber unter einer leichten Verzögerung.
  • Rivian verzichtet bewusst auf Apple CarPlay und Android Auto, setzt stattdessen auf ein eigenes Ökosystem mit noch Lücken.

Rivian wagt sich mit dem R2 in die für den Massenmarkt entscheidende Preis- und Fahrzeugklasse vor. Das kompaktere, günstigere zweite SUV der Amerikaner soll den Erfolg der Marke erst möglich machen. Nach einer ersten Testfahrt zeichnet sich ab: Der R2 könnte genau das sein, was Rivian braucht – technisch ambitioniert, durchdacht und zugleich nahbarer als das teure R1-Geschwister. Unser erster Test zeigt, wo das Fahrzeug überzeugt und wo noch Luft nach oben ist.

Innenraumqualität und Bedienkonzept: Ein Schritt in die richtige Richtung

Betritt man den Innenraum des R2, fällt sofort auf, dass Rivian bei der Materialauswahl keine nennenswerten Abstriche gemacht hat. Das Interieur wirkt keineswegs günstig, auch nicht im direkten Vergleich mit der deutlich teureren R1-Familie. Die Verarbeitung und die Haptik der Oberflächen vermitteln einen wertigen Eindruck, der in diesem Segment nicht selbstverständlich ist. Wie gewohnt dominiert ein einzelner, 15,6 Zoll großer Touchscreen das Cockpit. Doch die Ingenieure haben einen überraschenden Schritt in Richtung taktiler Bedienung vollzogen – genauer gesagt zwei.

Die Haptic Halos: Innovativ, aber nicht perfekt

Am Lenkrad sitzen zwei komisch überdimensionierte Drehräder, die Rivian „Haptic Halos“ nennt. Diese Bedienelemente sind weit mehr als nur simple Drehregler. Jedes Rad verfügt über eine dynamische haptische Rückmeldung: Es kann beim Drehen simulierte Rasten erzeugen oder sich sogar blockieren, sobald das Ende einer Liste erreicht ist. Noch beeindruckender ist die Bewegungsfreiheit. Die Halos lassen sich nicht nur drehen, sondern auch drücken, ziehen und nach links oder rechts neigen. Auf diese Weise steuert man alles – von der Position der Außenspiegel bis zur Lautstärke von Apple Music, das über das 13-Lautsprecher-Dolby-Atmos-System läuft. Der Klang des Soundsystems ist übrigens bemerkenswert gut. In der Theorie sind die doppelten Drehräder eine faszinierende Lösung, und in manchen Situationen arbeiten sie geradezu brillant. Allerdings trübt eine leichte Verzögerung in der haptischen Rückmeldung den Gesamteindruck. Die spürbare Latenz reicht aus, um den Effekt der taktilen Simulation gelegentlich zu durchbrechen – ein Detail, das Rivian mit zukünftigen Software-Updates noch verfeinern sollte.

Abgesehen von den Haptic Halos und den Bedienelementen für Fenster und Sitze wird nahezu alles über den Touchscreen gesteuert. Die Bediensoftware wirkt bereits in diesem frühen Stadium erfreulich ausgereift. Rivian hat die Menüstruktur noch einmal überarbeitet, um die wichtigsten Funktionen vom Fahrersitz aus schneller erreichbar zu machen. Die Oberfläche reagiert flüssig und schnell. Und dennoch bleibt das System spürbar unvollständig.

So bewirbt Rivian den Einsatz eines leistungsstarken Qualcomm-SoC und die Fähigkeit, Edge-KI-Berechnungen direkt im Fahrzeug durchzuführen. Im aktuellen Zustand fehlt jedoch die grundlegendste aller Komfortfunktionen: eine Sprachsteuerung. Wer die nächste Starbucks-Filiale finden möchte, muss „Starbucks“ über die Bildschirmtastatur eintippen. Die Suche nach einem Krankenhaus? Ebenfalls getippt. Rivian versichert, dass der Sprachassistent innerhalb weniger Monate per Software-Update nachgereicht wird. Dennoch hinterlässt diese Lücke in einem derart technikaffinen Fahrzeug einen merkwürdig unfertigen Eindruck.

Kein Android Auto, kein Apple CarPlay: Ein strategischer Schachzug mit Risiken

Ein weiterer wunder Punkt ist der Verzicht auf Smartphone-Projektion. Weder Android Auto noch Apple CarPlay werden unterstützt. Rivian setzt stattdessen auf ein eigenes Ökosystem mit integrierten Medien-Apps. Die Auswahl ist zwar solide, reicht aber bei weitem nicht an die Vielfalt der auf dem Smartphone verfügbaren Dienste heran. Wer seinen Lieblings-Podcast oder eine persönliche Playlist hören möchte, muss das Gerät per Bluetooth koppeln – ein Vorgang, der in einem modernen Elektroauto schlichtweg archaisch wirkt. Rivian mag hier eine strategische Entscheidung getroffen haben, um die Kontrolle über das User-Erlebnis zu behalten. Für viele Kunden dürfte dieser Verzicht jedoch ein ernstzunehmendes Hindernis darstellen.

Der Rivian R2 zeigt in der ersten Testfahrt, wo die Reise für die Marke hingeht: hin zu einem bezahlbareren, aber keineswegs beliebigen Elektro-SUV. In puncto Innenraumqualität und Bedieninnovation setzt das Fahrzeug Maßstäbe in seiner Klasse. Die Software-Architektur ist zukunftsfähig, doch die aktuellen Lücken bei der Sprachsteuerung und der Smartphone-Integration sind schmerzhafte Zugeständnisse an eine noch nicht abgeschlossene Entwicklung. Sollte Rivian diese Punkte zügig per Update nachreichen, steht dem R2 eine glänzende Zukunft bevor. Dann wäre er nicht nur das bisher beste SUV der Marke, sondern ein ernstzunehmender Kandidat für die Kaufempfehlung im Segment.

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