Die Halbleiterindustrie erlebt derzeit einen tiefgreifenden Wandel, der die Speicherlandschaft nachhaltig verändern wird. Während der KI-Boom die Nachfrage nach hochmodernen Speicherlösungen beflügelt, vollziehen die großen Hersteller einen radikalen Schnitt: Samsung, Kioxia und Micron stellen die Produktion von legacy 2D-NAND-Flash entweder vollständig ein oder drosseln sie drastisch. Die Folge ist ein spektakulärer Preisanstieg bei MLC-NAND, der Endkunden und Industrie gleichermaßen betrifft.
MLC-NAND-Preise explodieren um mehr als 300 Prozent
Auf dem Spotmarkt haben sich die Preise für 64-Gigabit-MLC-NAND innerhalb weniger Monate mehr als verdreifacht. Lagen sie Ende 2025 noch auf niedrigem Niveau, werden jetzt zwischen 20 und 28 US-Dollar pro Einheit aufgerufen. MLC-NAND, das zwei Bits pro Zelle speichert, zeichnet sich durch eine höhere Datenhaltbarkeit und Robustheit aus als die gängigen TLC- oder QLC-Designs mit drei beziehungsweise vier Bits. Genau diese Eigenschaften machen es für bestimmte Industrie- und Embedded-Anwendungen nach wie vor attraktiv. Dennoch hatte die schwache Marge dazu geführt, dass die Technologie in den vergangenen Jahren zunehmend ins Abseits geriet.
Laut einer Analyse des Marktforschungsinstituts Omdia, über die die südkoreanische Tageszeitung Chosun Ilbo berichtet, haben Samsung, Kioxia und Micron konkrete Schritte eingeleitet, um ihre alten 2D-Fertigungslinien stillzulegen. Samsung hat seine Wafer-Prognose für NAND-Flash von 4,9 Millionen Wafern im Jahr 2025 auf 4,68 Millionen im kommenden Jahr gesenkt. Auch SK Hynix reduziert die Fertigung: von 1,9 Millionen auf 1,7 Millionen Wafer im selben Zeitraum.
Der letzte 2D-Standard fällt – Samsung schließt Line 12 in Hwaseong
Den wohl symbolträchtigsten Schritt vollzieht Samsung. Bereits im März begann das Unternehmen, die 2D-NAND-Produktion in seiner Line 12 in Hwaseong schrittweise herunterzufahren und die Anlage in eine moderne 1c-DRAM-Fertigung umzuwandeln. Diese Linie, die über eine monatliche Kapazität von 80.000 bis 100.000 Wafern verfügte, war Samsungs letzte verbliebene 2D-NAND-Manufaktur. Parallel dazu hat der Hersteller seinen Kunden sogenannte End-of-Life-Notifikationen für MLC-NAND-Produkte ausgestellt. Die letzten Lieferungen sollen etwa im Juni erfolgen, danach wird das Angebot vollständig versiegen.
Kioxia gibt Zeitplan für den Ausstieg vor
Kioxia, der japanische Speicherspezialist, hat am 31. März ein eigenes End-of-Life-Schreiben versandt. Darin kündigt das Unternehmen an, die Fertigung von 2D-NAND sowie von Produkten der dritten BiCS-Flash-Generation schrittweise einzustellen. Kunden haben noch bis Ende September dieses Jahres Zeit, letzte Bestellungen aufzugeben. Die endgültige Auslieferung der Ware erstreckt sich den Angaben zufolge noch bis Dezember 2028, bevor Kioxia ab 2029 den Markt vollständig verlässt. Micron wiederum hält an der MLC-NAND-Fertigung grundsätzlich fest, beschränkt die Produktion aber strikt auf die bestehende Nachfrage. Zudem stellt der US-Konzern seine Verbrauchermarke Crucial ein.
TrendForce erwartet Kapazitätseinbruch von 41,7 Prozent
Das Tempo, mit dem die großen Player den Markt räumen, übersteigt die natürliche technologische Alterung der Speicherbausteine bei Weitem. Die Marktforscher von TrendForce prognostizieren, dass die weltweite MLC-NAND-Kapazität in diesem Jahr um 41,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr schrumpfen wird. Eine Lücke, die zunehmend von taiwanesischen und chinesischen Herstellern gefüllt wird. Zu den wahrscheinlichsten Profiteuren dieser Entwicklung zählen Winbond Electronics und Macronix International, die von der schrumpfenden Konkurrenz profitieren.
Der KI-Boom diktiert die strategische Ausrichtung
Der Hauptgrund für die Radikalkur ist ausnahmslos die Profitabilität. Der KI-Hype hat die Nachfrage nach High-Bandwidth Memory und fortschrittlichem 3D-NAND mit mehr als 300 Schichten massiv befeuert. Diese Produkte erzielen deutlich höhere Margen und binden den Großteil der Investitionsmittel. Legacy-2D-NAND hingegen gilt als margenschwach und wird von den Herstellern nicht länger mit Kapital ausgestattet. Samsung hat bereits im April 2024 die Massenproduktion seiner 9. Generation mit 286 Schichten gestartet. SK Hynix liegt im Rennen um die meisten Lagen derzeit vorn: Der Konzern fertigt bereits 321-Lagen-NAND in Serie und beliefert Kunden. Samsung hinkt hier leicht hinterher. Kioxia wiederum hat ambitionierte Pläne und will bis 2026 seine 10. Generation mit 332 Schichten auf den Markt bringen. Alle diese Entwicklungen sind darauf ausgerichtet, den scheinbar unstillbaren Hunger der KI-Rechenzentren nach Speicherbandbreite zu stillen.
Was bedeutet das für Unternehmen und Verbraucher?
Für Industriekunden, die auf die Zuverlässigkeit und Langlebigkeit von MLC-NAND angewiesen sind, wird die Lage zusehends angespannter. Die Preisexplosion ist das eine Problem, die drohende Angebotsverknappung das andere. Wer nicht rechtzeitig auf Alternativen umstellt oder größere Letztbestellungen aufgibt, könnte in den kommenden Jahren Schwierigkeiten bekommen, geeignete Speicherlösungen zu beschaffen. Die chinesischen und taiwanesischen Hersteller springen zwar in die Bresche, ob sie jedoch die hohen Qualitätsanforderungen bestimmter Anwendungen dauerhaft erfüllen können, bleibt abzuwarten. Für den durchschnittlichen Verbraucher sind die Auswirkungen dagegen geringer, da der Massenmarkt längst auf TLC- und QLC-NAND in modernen 3D-Strukturen setzt.