In den letzten Jahren hat Capcom mit etablierten Reihen großen Erfolg gehabt, sei es durch neue Teile, Remakes oder Remastered-Versionen. Während das bestehende Fans erfreut, sehnten sich viele nach neuen Risiken und frischen Ideen aus dem Hause. Mit „Kunitsu-Gami: Path of the Goddess“ im Jahr 2024 machte das Studio einen wichtigen Schritt in diese Richtung, und nun scheint mit „Pragmata“ ein weiterer Treffer gelungen zu sein. Diese charmante und erfrischende Erfahrung beweist, dass Capcom noch immer für Überraschungen gut ist.
Hugh und Diana: Eine ungewöhnliche und herzliche Partnerschaft
„Pragmata“ folgt dem Ingenieur Hugh, der mit seinem Team zu einer riesigen Mondbasis entsandt wird, um ein Kommunikationsblackout zu untersuchen. Es ist ein klassisches Sci-Fi-Szenario, bei dem die Dinge für die Besatzung schnell außer Kontrolle geraten. Hugh kämpft allein ums Überleben, muss herausfinden, was auf der Basis geschehen ist, und einen Weg zurück finden. An seiner Seite steht bald Diana, eine hoch entwickelte KI-Humanoidin mit einer kindlichen Neugier und einem unerschütterlichen Willen, ihm auf seiner Mission zu helfen.
Es wäre leicht, dies als eine weitere „sad dad“-Geschichte abzutun, aber das ist es keineswegs. Hugh ist von Anfang an ein liebenswerter, charmanter und gutherziger Charakter, was sich in jeder Interaktion mit Diana zeigt. Er beantwortet ihre Fragen über das Leben auf der Erde mit aufrichtiger Ernsthaftigkeit, zieht oft eigene Erfahrungen heran und behandelt sie nie als Belästigung. Statt des üblichen emotional distanzierten Helden ist er das genaue Gegenteil – ein Protagonist, der bereits gefestigt und mitfühlend ist.
Diese Dynamik trägt die gesamte Geschichte. Hugh unterstützt Diana während ihrer Reise, und ihre Bindung entwickelt sich natürlich durchs gemeinsame Überleben. Er beschützt sie im Kampf, schätzt ihre Hilfe und reagiert nicht mit Wut, wenn etwas schiefgeht. Obwohl er weiß, dass sie kein Mensch ist, behandelt er sie mit Wärme und Respekt, selbst wenn ihre Hacking-Fähigkeiten sie oft fähiger machen als ihn. Die Geschichte an sich ist relativ geradlinig, doch ihre Beziehung verleiht ihr Gewicht und macht es leicht, für sie Partei zu ergreifen.
Alles andere in „Pragmata“ ist zweitrangig. Die Rogue-AI-Erzählung ist fesselnd, besonders mit ihrer klaren Kritik an generativer KI und der Bedeutung menschlichen Inputs in kreativen und technischen Bereichen, aber letztlich ist es die Verbindung zwischen Hugh und Diana, die das Erlebnis definiert. Doch im Kampf findet „Pragmata“ seine wahre Identität.
Innovatives Puzzle-Kampfsystem: Fadenwechsel zwischen Schießen und Hacken
Die einzigartige Kampfmechanik sorgte bei ihrer ersten Vorstellung für Verwirrung, und die Veröffentlichung eines Demos war eine kluge Entscheidung. Es ist ein System, das man selbst erleben muss, um es vollständig zu verstehen. Gegner sind schwer gepanzert und können nicht direkt geschädigt werden. Stattdessen muss man sich auf Diana verlassen, die sie hackt und dadurch Schwachstellen preisgibt. Das Zielen auf einen Gegner aktiviert ein Raster, das mit den Face-Buttons der Controller navigiert wird – der Schaden wird maximiert, indem man spezielle Knotenpunkte passiert, bevor man angreift.
Dieses System, bei dem zwei völlig unterschiedliche Gameplay-Stile gleichzeitig jongliert werden, macht „Pragmata“ so originell. Es handelt sich um ein Kampfpuzzlesystem, das so intuitiv gestaltet ist, dass man mühelos Bewegung, Schießen, Hacken, Ausweichen und Schweben nahtlos und ohne Reibungsverluste miteinander koordinieren kann. Jeder Gegnertyp stellt eine neue Herausforderung dar, und mit etwas Übung wird der Umgang mit ihnen zur zweiten Natur, dank des hochresponsiven Gefühls, das Hughs Bewegungen vermitteln. Sein Anzug erlaubt ihm schnelle Sprints, und man ist niemals in seinen Aktionen eingeschränkt, egal ob in der Luft, mitten im Sprint oder am Boden. Das System glänzt besonders in Situationen, in denen man von mehreren Gegnertypen eingekesselt wird, die unterschiedliche Ansätze erfordern.
Es ist die Art von Actionspiel, bei der man instinktiv besser werden will. Ein stetiges Progression System hält die Motivation hoch, indem es ständig neue Fähigkeiten, Upgrades und Gegnertypen einführt. Gerade wenn man glaubt, den Dreh rauszuhaben, wirft das Spiel etwas Neues ins Rennen. Die Vielfalt der Gegner ist ein echtes Highlight – einige greifen aus der Ferne an, andere betäuben, manche sind schnell und führen Kombos aus, wieder andere feuern Raketen, die man hacken und zurückschicken kann. Sie sind alle in Funktion und Design einzigartig, mit einem in die Spielwelt eingebetteten Kontext, der ihr Aussehen erklärt.
Mein einziger wirklicher Kritikpunkt betrifft die schiere Anzahl an Mod-Chips, die sich im Laufe der Zeit ansammeln. Mit begrenzten Steckplätzen und eher geringfügigen Vorteilen fühlt sich deren Verwaltung wie ein unnötiges System an. Es ist dieser RPG-lite-Trend, der in vielen modernen Actionspielen auftaucht – ähnlich den Amuletten in den jüngeren „Resident Evil 4″-Titeln – und der sich hier etwas aufgesetzt anfühlt. Abgesehen davon ist das Spiel großzügig mit Upgrade-Materialien und hält sein Währungssystem simpel. Wenn man eine Waffe gefunden hat, die einem gefällt, kann man dabei bleiben, sie verbessern und seinen Spielstil darauf aufbauen, ohne auf Hindernisse zu stoßen.
Lunar Research Station: Eine wunderbar abwechslungsreiche Spielwelt
Die Mondforschungsstation in „Pragmata“ ist eine wunderschön gestaltete Basis, die man nach und nach erkundet, indem man im Zuge der Handlung neue Sektoren freischaltet. Während das Weltraumschiff-Grundsetting konsistent bleibt, führt jeder Bereich je nach Forschungsschwerpunkt erdähnliche Elemente ein. Ein Sektor ähnelt einer computergenerierten Version Manhattans, ein anderer bietet waldartige Umgebungen mit üppigem Grün. Es überrascht auf konsistente und positive Weise.
Eine starke Vertikalität macht die Erkundung zudem fesselnder und lohnender, besonders wenn man auch nur kurz vom Hauptpfad abweicht. An Checkpoints kann man einen sicheren Bereich namens „Shelter“ besuchen. Hier kann man sich erholen, Fundstücke begutachten, den Raum dekorieren, Trainingsmissionen absolvieren, seinen Charakter verbessern und Waffenaufsteckteile kaufen.
Der Zugang zum Shelter dient im Wesentlichen als Ladebildschirm, und anstelle eines Labyrinths aus Menüs bietet dieser dedizierte Raum mit klar definierten Bereichen für jede Funktion genau die Pause, die man nach einem anspruchsvollen Abschnitt benötigt.
Technische Exzellenz und Performance
Auf technischer Seite ist „Pragmata“ eine der beeindruckendsten RE-Engine-Produktionen und läuft auf dem PC außergewöhnlich gut. Abgesehen von minimalen Rucklern in sehr offenen Umgebungen, läuft es nahezu perfekt und sieht dabei fantastisch aus. Mit einer RTX 4070 Super bewegte ich mich bei 1440p, aktiviertem Raytracing und DLSS auf Quality-Einstellung, stabil im Bereich von über 100 FPS.
Insgesamt ist „Pragmata“ ein selbstbewusst designtes Actionspiel, das Schießen und Hacken elegant zu einem schnellen, reaktionsschnellen Puzzle-Kampfsystem vereint, das jede Begegnung weitaus fesselnder macht als ein standardmäßiger Feuerkampf. Man wechselt ständig zwischen Zielen, Hacken, Ausweichen und Neu-Positionieren, was einen nahtlosen Gameplay-Loop kreiert, der sich niemals umständlich oder abgehackt anfühlt. Getragen wird dies von den zwei äußerst sympathischen Hauptfiguren Hugh und Diana, deren Beziehung dem Erlebnis einen emotionalen Kern verleiht – ganz ohne unnötige Melodramatik.